Carolin Kebekus Foto Ben Knabe
Body & Soul

Carolin Kebekus: „Mutterschaft ist eine andere Liga“

"Ich denke, unsere ganze Gesellschaft basiert darauf, dass Frauen den Großteil der Care-Arbeit übernehmen – ohne sich zu beschweren."

Wenn jemand weiß, wie sich Muttersein zwischen Glücksrausch, Schlafmangel und einer Karriere im Scheinwerferlicht anfühlt, dann ist das Carolin Kebekus. Die Comedienne und Moderatorin, die sonst mit scharfen Pointen über Politik, Kirche und Sexismus auffällt, richtet ihren Blick mit dem Bestseller „8000 Arten, als Mutter zu versagen“ auf etwas sehr Privates: ihr Leben als Mutter. 

Im Gespräch mit pme erzählt sie, warum sie die Realität nach der Geburt „kalt erwischt” hat, wieso man als Mutter viel schneller „schlecht“ und als Vater „gut“ ist – und warum Humor für sie kein Weglächeln, sondern eine Überlebensstrategie ist. Carolin Kebekus ist Speakerin auf dem Health Day 2026 im Oktober.

Interview: Sarah Raupach, Redaktion: Christin Müller, Foto: Ben Knabe

Dein Buch heißt „8000 Arten, als Mutter zu versagen“. Wann war dir klar, dass du darüber ein Buch schreiben willst?

Carolin Kebekus: Ich habe beim Schreiben meines neuen Bühnenprogramms gemerkt, dass ich wahnsinnig viel Material habe – Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, alles. Das hätte locker für einen vier-, fünfstündigen Abend gereicht, das kriegt man nie alles auf die Bühne.

Schon in der Schwangerschaft habe ich erfahren, wie vielen Regeln man plötzlich unterliegt – als Schwangere, als Mutter, als Frau sowieso. Und wie wahnsinnig schnell man eine „schlechte Mutter“ ist. Und wie wahnsinnig schnell man ein „guter Vater“ ist. Das hat mich echt überrascht.

Die Idee zum Buch war dann relativ schnell da. Ich habe beim Verlag angerufen, die haben sofort den Vibe gespürt und waren gleich dabei.

Wie viel Carolin Kebekus steckt in diesem Buch – und wo hast du überzeichnet?

Wenn ich auf der Bühne meine Nummer über das Wochenbett erzähle, sage ich am Ende immer: „Für alle, die gerade schwanger sind – das ist Comedy, ich übertreibe.“ Und hinterher rasten alle Mütter aus vor Lachen, weil sie genau wissen: Das ist überhaupt nicht übertrieben, ich habe es nur mal deutlich so ausgesprochen, wie es ist. Vielleicht habe ich hier und da ein bisschen überzeichnet – Comedy eben –, aber jedes Thema stimmt. Und dass Stillen ein Knochenjob ist, stimmt auch. 

Ich glaube, ich habe in diesem Buch viel verarbeitet. Ich musste irgendwie klarkommen mit dem Menschen, der ich geworden bin: Schlafmangel, ständige Überreizung, ständig angefasst werden, ständig abrufbar sein, keine Sekunde mehr für sich.

Bis dahin war ich ein anderer Mensch. Wenn ich etwas schaffen wollte, habe ich geschaut: Wie geht das, wo lerne ich das, wo kann ich das kaufen, was muss ich tun? Und plötzlich war meine einzige Möglichkeit, um Hilfe zu bitten. Es fiel mir wahnsinnig schwer zu sagen: „Ich kann nicht mehr“. Aber genau das wird von Müttern nicht erwartet. Eine Mutter kann immer. Eine Mutter sagt nicht: „Ich kann nicht mehr“.

Ich denke, unsere ganze Gesellschaft basiert darauf, dass Frauen den Großteil der Care-Arbeit übernehmen – ohne sich zu beschweren und ohne dafür Geld zu bekommen.

Viele Väter sehen sich als „moderne Väter“, gleichzeitig klagen viele Mütter über die unsichtbare Organisation im Hintergrund. Wo erlebst du dieses Spannungsfeld?

Der Klassiker ist: Man gibt das Kind mal ab, und der Partner sagt: „Jetzt leg dich doch mal eine halbe Stunde hin“. Da könnte ich aus der Haut fahren. Ja, ich könnte mich hinlegen – aber wer räumt dann die Spülmaschine aus, wer die Waschmaschine? Wer macht den Termin für die U7, wer besorgt neue Gummistiefel? Wann soll ich das sonst machen, wenn nicht jetzt, wo das Kind schläft oder mal woanders ist?

Es ist einfach wahnsinnig viel, was nicht gesehen wird.

Ich kenne aber auch meinen Anteil daran. Ich versuche oft, alles selbst zu machen, damit es „richtig“ ist. Dann fällt es mir schwer zu sagen: „Pack du doch mal die Tasche fürs Kind, und ich entspanne mich jetzt dabei“. Und gleichzeitig denke ich: „Packst du auch wirklich alles ein?“.

Viele moderne Väter sind anders als in meiner Kindheit. Früher war es Qualitätszeit, mit Papa zum Beispiel in den Baumarkt zu gehen. Heute kenne ich viele tolle Väter, die sehr engagiert mit ihren Kindern sind. Aber die Organisation des Überbaus – wer denkt an Termine, Geburtstage, wer hält das soziale Netz? – liegt oft noch bei den Müttern.

Wann hast du gemerkt: Das ist nicht nur viel, das ist ein strukturelles Problem?

Wer sich länger mit Gleichberechtigung und Feminismus beschäftigt, weiß: Es gibt eine grundsätzliche Ungerechtigkeit – in der Care-Arbeit, in der Bezahlung, überall. Ich mache seit Jahren Comedy zu Frauenthemen, Frauenhass, Frauenrechten und dachte irgendwann: „Ich habe doch schon alles mal angesprochen“.

Dann bin ich Mutter geworden und habe gemerkt: Das war nur die Spitze des Eisbergs. Mutterschaft ist eine andere Liga.

Ich weiß, wie privilegiert ich bin. Ich habe Geld, ich kann meinem Kind Klamotten, Spielsachen, Förderung, Betreuung kaufen. Ich habe eine Kita, in der das Kind frühstückt und Mittag isst – das habe ich vorher unterschätzt, was das an Arbeit abnimmt.

Was macht dieser Daueranspruch mit der mentalen Gesundheit bei dir und in deinem Umfeld?

Gesund ist das nicht. Und schwer in Worte zu fassen. Unter Frauen geht es, aber da ist trotzdem eine Scham, zuzugeben, dass man es nicht schafft.

Wenn ich sage: „Ich habe einen Kita-Platz, ich habe eine Nanny, ich arbeite – und ich bin trotzdem komplett am Ende“, dann denke ich sofort an meine Freundin mit vier Kindern, die vielleicht nicht arbeitet. Darf ich mich beschweren, wenn sie es auch „irgendwie“ schafft – oder es zumindest so aussieht?

Wir haben verinnerlicht, dass Frauen das aushalten. Das haben wir bei unseren Müttern und Großmüttern gesehen. Die ganze Gesellschaft basiert auf Frauen, die Dinge aushalten, ohne zu jammern.
Und wenn eine Frau mal sagt: „Ich kann nicht mehr“ oder wütend wird, wird diese weibliche Wut ganz anders wahrgenommen. Dann denkt man schnell: „Bin ich zu schwach? Müsste ich das doch aushalten können?“.

Wenn man sich vor Augen führt, was man an einem Tag alles gemacht hat und wie viel man wirklich geschlafen hat, ist klar, dass man überlastet ist. Aber mein Bild von mir ist: „Ich kann das alles. Ich bin die Person, bei der alle sagen: ‚Caro, wie schaffst du das eigentlich?‘“. Und manchmal denke ich: gar nicht.

Was kann Humor beim Thema “Mental Load und psychische Belastung”, was ein rein ernstes Statement nicht schafft?

Wenn man ein ernstes Thema humoristisch aufarbeitet, muss man immer genau zum Kern kommen: Was ist das Ding, was ist das Absurde an der Situation?

Beim Thema Frauenhass zum Beispiel gibt es viele absurde Momente. Wenn Menschen an der richtigen Stelle lachen, merkt man: Sie haben verstanden, worum es geht – es wird aufs Wesentliche runtergebrochen.

Im letzten Programm hatte ich viele Mütter im Publikum, die sich bei so vielen Themen gesehen gefühlt haben. Und alle anderen im Saal waren durch dieses gemeinsame Lachen mitgenommen. Humor holt Spannung raus, löst Blockaden und Frust.

Im Wochenbett habe ich mit einer Freundin, die gleichzeitig ein Kind bekommen hat, täglich Fotos ausgetauscht – von allem, was schieflief. Wir haben uns die hässlichsten Babyfotos geschickt und uns kaputtgelacht – mit Kaiserschnitt-Narbe. Humor hat sehr geholfen.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade komplett im Mental Load steckt und das Gefühl hat, mit seinen „8000 Fehlern“ völlig allein zu sein?

Vielleicht muss man ein paar Ansprüche runterschrauben. Ich hatte am Anfang ein sehr klares Bild von mir als Mutter – wie ich bin und was ich alles schaffe. Von diesem Bild habe ich mich irgendwann verabschiedet. 

Man kann auch einfach mal Sachen liegenlassen. Die schönsten Tage sind die, an denen man nichts vorhat, nirgendwo sein muss und einfach nur mit dem Kind zusammen ist. Ohne den Anspruch, es muss pünktlich Mittagessen geben und es muss selbst gekocht sein. Dann geht man eben in den Zoo und isst Pommes.

Und dann würde ich sagen: sich Hilfe holen. Ein Netzwerk mit anderen Müttern oder Familie. Manchmal muss man Menschen direkt ansprechen, bei denen man sich eine engere Bindung fürs Kind wünscht: „Hättest du Lust, einmal die Woche einen Tantentag oder Onkeltag zu machen?“. Oft kommt Unterstützung aus einer Ecke, mit der man gar nicht rechnet.

Und dann sollte man auf jeden Fall dem Partner mitteilen, wie man sich fühlt. Ich glaube nicht, dass die meisten Väter sagen: „Stell dich nicht so an!“. Wenn man gemeinsam überlegt, was man schafft und was nicht, kann man Aufgaben besser verteilen. Dann muss man sie aber auch wirklich abgeben – das ist oft der schwerste Teil.

null Was ist häusliche Gewalt und wo finde ich Hilfe?

Gewalt an Frauen stoppen
Psyche

Gewalt zuhause: "Es passiert in allen sozialen Schichten"

Wir sprechen mit Jutta Dreyer, Familientherapeutin und Beraterin an der Lebenslagen-Hotline des pme Familienservice. Die Lebenslagen-Hotline bietet den Beschäftigten ihrer Vertragspartner*innen eine anonyme und kostenlose Erst- und Krisenberatung für Frauen, Kinder und weitere Personen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.

Frau Dreyer, wo fängt häusliche Gewalt an?

Jutta Dreyer: Mit häuslicher Gewalt ist Gewalt gemeint, die in Paar- oder Ehebeziehungen passiert. Sie kann aber auch zwischen Geschwistern, gegen Kinder durch die Eltern oder gegen Eltern durch jugendliche Kinder verübt werden. Bei uns in der Beratung haben wir zudem oft den Fall, dass ältere Menschen durch ihre pflegenden Angehörigen Gewalt erfahren. Meistens passiert häusliche Gewalt in den eigenen vier Wänden.

Häusliche Gewalt reicht von Beleidigungen, Verboten, Drohungen und Demütigung bis hin zu körperlicher, seelischer, sexueller und ökonomischer Gewalt, wenn die Betroffenen finanziell abhängig sind vom Täter. Meistens erleben die Betroffenen mehrere dieser Gewaltformen gleichzeitig.

Zur häuslichen Gewalt muss immer öfter auch die digitale Gewalt dazugezählt werden. In zunehmenden Fällen sind Betroffene damit konfrontiert, dass Partner:innen oder Ex-Partner:innen intime Bilder veröffentlichen sie in sogenannte Deep-Fakes einsetzen, um die Betroffenen zu diskreditieren. Oder es wird heimlich Überwachungssoftware auf dem Mobiltelefon installiert, um die Person digital stalken und kontrollieren zu können. Ziel ist hier, dass die Person sich nirgends mehr sicher fühlen soll.

Digitale Gewalt

Welche Gegenmaßnahmen Sie ergreifen können, wenn Sie von digitaler Gewalt betroffen sind, haben wir unter dem Interview extra für Sie zusammengefasst. 

Wer ist von häuslicher Gewalt betroffen?

Häusliche Gewalt gibt es in allen sozialen Schichten und jeder kann davon betroffen sein. In der Regel sind es Frauen, die physische, psychische und sexuelle Gewalt durch ihre Partner erleben. Es gibt auch Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt werden. In vier von fünf Fällen sind aber Frauen die Opfer.

Sie sagten, auch Kinder werden Opfer von häuslicher Gewalt.

Leben Kinder im Haushalt, sind sie häufig selbst Opfer physischer Übergriffe oder extrem beeinträchtigt, weil sie die Gewalt und das Klima der Angst und Einschüchterung miterleben müssen. Oft versuchen die Kinder die Mutter zu beschützen und sind Loyalitätskonflikten dem Vater gegenüber ausgesetzt. Die Kinder leiden meistens sehr lange an psychischen Folgen und zeigen Verhaltensausfälligkeiten sowie Angst- und Entwicklungsstörungen.

Welche unterschiedlichen Formen von häuslicher Gewalt begegnen Ihnen in der Beratung besonders häufig?

Bei häuslicher Gewalt muss unterschieden werden zwischen spontanem Konfliktverhalten und systematischem Kontrollverhalten. Bei der systematischen Gewalt geht es dem Täter darum, die Beziehung zu beherrschen und Macht auszuüben. Die Opfer sind hier fast ausschließlich Frauen. Gewalt als spontanes Konfliktverhalten entsteht aus dem Affekt, wenn ein Streit oder Konflikt eskaliert. Hiervon sind Frauen und Männer übrigens gleichermaßen betroffen.

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Warum bleiben viele Frauen in den Beziehungen?

Viele Frauen haben Angst, dass die Situation im Moment der Trennung eskalieren könnte. Deshalb ist es in der Beratung wichtig, an dieser Stelle sehr umsichtig zu sein, einen Notfallplan zu entwickeln und alles in die Wege zu leiten, damit die Frauen und ihre Kinder geschützt sind. Zum anderen haben viele Frauen finanzielle Ängste, machen sich Sorgen, ihre Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung zu nehmen, und wissen nicht, ob sie die Veränderungen nach einer Trennung meistern können. Die meisten Männer sind phasenweise auch wieder sehr liebevoll. Oft entschuldigen sich die Täter auch, nachdem sie gewalttätig waren, und versprechen, es nie wieder zu tun. Dadurch hoffen viele Frauen, dass es wieder besser wird.

Wie könnt ihr den Frauen helfen, sich zu entscheiden?

Für viele Frauen ist es wichtig, dass sie dort abgeholt werden, wo sie stehen, und dass ihnen jemand zuhört, ohne Druck auszuüben oder sie zu einer Entscheidung zu drängen. Wir informieren sie über ihre Rechte und die Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten, so dass sie sich für oder gegen eine Trennung entscheiden können. Es ist wichtig, dass wir gemeinsam mit den Frauen ein „Bild“ zeichnen, das eine Zukunft beinhaltet, die aus ihrer Sicht funktionieren kann. Wir wollen die Frauen ermutigen, ihre Stärken und Ressourcen zu erkennen und zu sehen, was sie alles schon erreicht haben.

 

Gewalt in den eigenen vier Wänden: Kinder leiden besonders stark. Expert:innen zum Kinderschutz können helfen.

 

Wenn sich eine Frau zur Trennung entscheidet, wie helfen Sie konkret weiter?

Das hängt natürlich stark von der Situation ab, in der die Frau ist. Wenn die Situation zu eskalieren droht, tun wir alles zu ihrem Schutz: Wir rufen die Polizei als Unterstützung oder ein Taxi, wenn es schnell gehen muss. Wenn die Frauen ihre Wohnungen verlassen möchten, recherchieren wir Frauenhäuser, suchen andere geschützte Plätze wie Pensionen oder überlegen, bei welchen Freundinnen oder Verwandten sie einen sicheren Ort finden könnten.

Für viele Frauen ist die Beratung aber ein erster Schritt, um in Erfahrung zu bringen, wie der Weg aus der Gewalt aussehen könnte, was ihre Möglichkeiten sind und wo es finanzielle Hilfen gibt.

Was tun, wenn Kinder von der häuslichen Gewalt betroffen sind? Wie können sie geschützt werden?

Wenn Kinder von häuslicher Gewalt betroffen sind und wir den Eindruck haben, dass sie in akuter Gefahr sind, dann sind wir auch verpflichtet zu handeln. Ich rate auch den Müttern, das Jugendamt zu informieren, wenn ihre Kinder von Gewalt betroffen sind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Jugendämter sehr durchdacht und fachlich gut vorgehen und versuchen, die Familien sehr gut zu unterstützen. Bei uns in der Beratung haben wir auch Expertinnen zum Kinderschutz, die wir nach Wunsch hinzuziehen können.

Was viele Frauen nicht wissen: Es gibt ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Das bedeutet: In dem Moment, wo eine Person in der eigenen Wohnung bedroht wird, wird über Gerichtswege entschieden, dass die Wohnung dem Opfer zugesprochen wird und der Partner sie verlassen muss.

Welche Angebote gibt es für Männer, die nicht mehr Täter sein wollen?

Es gibt Täterprogramme, und die sind sehr erfolgreich, sofern die Männer bereit sind, sich darauf einzulassen und ihr Verhalten ändern möchten. Wer sich darüber informieren möchte, kann sich an die Männerberatungsstellen wenden.

Vielen Dank für das Interview!

Digitale Gewalt: Schutzmaßnahmen und rechtliche Schritte

Digitale Gewalt ist eine ernstzunehmende Bedrohung. Wenn Sie betroffen sind, gibt es konkrete Schritte, die Sie unternehmen können, um sich zu schützen und zur Wehr zu setzen.

Allgemeine Sofortmaßnahmen & wichtige Grundsätze

1. Beweise sichern

Machen Sie von allen relevanten Vorgängen Screenshots. Speichern Sie Nachrichten, Bilder und Profile. Dokumentieren Sie dabei immer Datum, Uhrzeit und die Plattform, auf der der Vorfall stattgefunden hat. Diese Dokumentation ist entscheidend für mögliche rechtliche Schritte.

2. Täter blockieren 

Blockieren Sie die betreffende Person auf allen Kanälen. Ändern Sie bei Bedarf auch Ihre Benutzernamen, um nicht mehr direkt auffindbar zu sein.

3. Konten absichern

Ändern Sie umgehend Ihre Passwörter und aktivieren Sie, wo immer möglich, die Zwei-Faktor-Authentifizierung (2FA). Dies gilt für all Ihre Konten, insbesondere für E-Mail, soziale Medien und Cloud-Dienste.

4. Hilfe suchen

Sie müssen diese Situation nicht alleine bewältigen. Sprechen Sie mit Personen, denen Sie vertrauen, und wenden Sie sich an professionelle Beratungsstellen.

Anlaufstellen für Betroffene:

Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": Unter 116 016 erhalten Sie kostenlose, anonyme und rund um die Uhr verfügbare Unterstützung.

myprotectify.org: Eine Plattform von Betroffenen für Betroffene, die Gewalt in einer Beziehung erleben.

HateAid: Bietet spezialisierte Beratung und rechtliche Unterstützung bei digitaler Gewalt.

Weisser Ring: Unterstützt Kriminalitätsopfer, auch bei Fällen von Cyberstalking.

Formen digitaler Gewalt und gezielte Gegenmaßnahmen

1. Cyberstalking

Darunter versteht man das hartnäckige Verfolgen und Belästigen durch unerwünschte Nachrichten oder die Überwachung von Online-Aktivitäten.

Gegenmaßnahmen: 

  • Ignorieren & Blockieren: Reagieren Sie nicht auf Kontaktversuche. Jede Reaktion kann von der stalkenden Person als "Ermutigung" missverstanden werden. Blockieren Sie die Person konsequent auf allen Plattformen.
  • Privatsphäre-Einstellungen prüfen: Stellen Sie Ihre Profile in den sozialen Medien auf "privat". Überprüfen Sie, wer Ihre Beiträge sehen kann, und entfernen Sie die Person aus Ihren Follower- oder Freundeslisten.
  • Umfeld informieren: Geben Sie Freund:innen und Familie Bescheid, damit diese nicht unwissentlich Informationen an die stalkende Person weitergeben.
  • Standort-Daten schützen: Deaktivieren Sie die GPS-Funktion für Ihre Social-Media-Apps und verzichten Sie auf das Posten von Live-Standorten.

Rechtliche Schritte:

  • Strafanzeige bei der Polizei: Cyberstalking ist als "Nachstellung" (§ 238 StGB) strafbar. Eine Anzeige ist der wichtigste Schritt, um das Stalking zu beenden. Nehmen Sie alle gesicherten Beweise mit zur Polizei.
  • Gewaltschutzanordnung beantragen: Bei Gericht kann eine einstweilige Verfügung erwirkt werden, die es dem Täter oder der Täterin verbietet, Kontakt aufzunehmen oder sich Ihnen zu nähern. Dies gilt auch für digitale Wege.

2. Bildbasierte Gewalt (z.B. "Rachepornos")

Das unerlaubte Erstellen, Teilen oder die Androhung der Verbreitung von intimen Bildern.

Gegenmaßnahmen:

  • Plattformen informieren: Melden Sie die Inhalte sofort bei den Betreibern der Webseiten oder Social-Media-Plattformen und fordern Sie deren Löschung. Nutzen Sie dafür die vorgesehenen Melde-Buttons ("Report").
  • Tool "StopNCII.org" nutzen: Dieses Tool hilft, die Verbreitung intimer Bilder proaktiv zu verhindern. Sie können dort einen digitalen Fingerabdruck (Hash) Ihrer Bilder erstellen lassen. Teilnehmende Plattformen blockieren dann automatisch den Upload dieser Bilder, ohne dass Sie die Originale aus der Hand geben müssen.
  • Nicht auf Erpressung eingehen: Wenn mit der Veröffentlichung gedroht wird, zahlen Sie kein Geld. Dies löst das Problem in der Regel nicht und kann die Situation verschlimmern.

Rechtliche Schritte:

  • Strafanzeige bei der Polizei: Das Erstellen und Verbreiten solcher Aufnahmen ohne Einwilligung ist strafbar (§ 201a StGB, § 184g StGB, §§ 22, 33 KUG).
  • Anwaltliche Hilfe: Ein ANwalt oder eine Anwältin kann Sie dabei unterstützen, Unterlassungs- und Schadensersatzansprüche durchzusetzen und die Löschung der Inhalte zu beschleunigen.

3. Deepfakes

Täuschend echte, gefälschte Bild-, Video- oder Tonaufnahmen, die dazu dienen, Sie in einem falschen Kontext darzustellen.

Gegenmaßnahmen:

  • Melden & Löschen lassen: Melden Sie die gefälschten Inhalte umgehend bei den Plattformbetreibern.
  • Aufklärung: Je nach Fall und nach Rücksprache mit einer Beratungsstelle kann es sinnvoll sein, die Fälschung öffentlich zu machen, um die Deutungshoheit zurückzugewinnen.
  • Rückwärts-Bildersuche: Mit Tools wie Google Images oder TinEye lässt sich manchmal das Originalmaterial finden, das für die Fälschung verwendet wurde. Dies kann als Beweis der Manipulation dienen.

Rechtliche Schritte:

  • Strafanzeige: Auch wenn es kein spezielles "Deepfake-Gesetz" gibt, sind solche Taten strafbar. Je nach Inhalt können Tatbestände wie Beleidigung (§ 185 StGB), Üble Nachrede (§ 186 StGB), Verleumdung (§ 187 StGB) oder die Verletzung des Rechts am eigenen Bild erfüllt sein.

4. Digitale Kontrolle & Stalkerware

Der Missbrauch von Tracking-Apps zur Überwachung Ihrer Aktivitäten auf dem Smartphone.

Gegenmaßnahmen:

  • Smartphone überprüfen: Gehen Sie die Liste Ihrer installierten Apps durch. Achten Sie auf Anwendungen, die Sie nicht kennen oder die verdächtige Namen tragen (z.B. "System-Service").
  • Anti-Stalkerware-Apps: Programme wie Malwarebytes oder spezielle Tools von Antivirus-Herstellern können solche Überwachungs-Apps erkennen und entfernen.
  • Werkseinstellungen (letzter Ausweg): Wenn Sie sicher sind, dass Sie überwacht werden, die App aber nicht finden, ist das Zurücksetzen des Geräts auf Werkseinstellungen der sicherste Weg. Achtung: Sichern Sie vorher Ihre wichtigen Daten, aber spielen Sie kein altes Backup wieder auf, da die Spyware darin enthalten sein könnte.
  • Passwörter ändern: Ändern Sie nach der Entfernung der Software sofort alle Ihre Passwörter, insbesondere für Ihre E-Mail- und Cloud-Konten (Apple-ID, Google-Konto).

Rechtliche Schritte:

  • Strafanzeige bei der Polizei: Das heimliche Installieren von Überwachungssoftware ist strafbar (§ 202a StGB: Ausspähen von Daten, § 202b StGB: Abfangen von Daten).
  • Wichtig: Lassen Sie Ihr Gerät idealerweise von IT-Forensiker:innen oder der Polizei sichern, bevor die Software entfernt wird, um die Tat beweissicher dokumentieren zu können.

Folgende Apps können helfen, solche Software aufzuspüren:

  • Malwarebytes: Diese App ist bekannt für ihre Fähigkeit, Malware und Spyware auf mobilen Geräten zu erkennen und zu entfernen. Sie bietet auch Schutz vor Stalkerware.
  • Avira: Avira bietet mobile Sicherheitslösungen an, die auch zum Aufspüren von Stalkerware geeignet sind.
  • Avast: Auch Avast bietet mobile Sicherheitslösungen zum Schutz vor unerwünschter Spionagesoftware.
  • Clario Anti Spy: Dieses Tool durchsucht dein Gerät automatisch nach versteckter Spyware, verdächtigen Apps und Manipulationen auf Systemebene, die häufig in einer Stalkerware-App-Liste zu finden sind.
  • Protectstar Anti Spy: Diese App sucht nach verdächtigen Profilen, überhöhten Berechtigungen oder bekannten Stalkerware-Resten und gibt klare Handlungsempfehlungen.